Nach dem Investment: Burn steuern, Runway sichern

Warum Geld alles schneller macht, auch Fehler

Das Geld ist auf dem Konto. Der erste Impuls: einstellen, ausbauen, professionalisieren. Der zweite Impuls, der meistens fehlt: steuern.

Die Differenz zwischen geplantem Burn und realem Burn liegt bei den meisten Startups bei zwanzig bis vierzig Prozent. Der Entwickler kostet nicht acht-, sondern elftausend im Monat, weil der Markt keinen Junior hergibt. Die Tools summieren sich auf tausendzweihundert statt achthundert. Und der Gründer, der im Plan kein Gehalt vorgesehen hat, merkt nach drei Monaten, dass Ersparnisse endlich sind. Wer diese Differenz nicht kennt, lebt in einer Runway-Illusion, die eines Morgens platzt.

Vier Kennzahlen

Burn allein sagt wenig. Burn im Verhältnis zu Fortschritt sagt alles.

Das Burn Multiple misst den Netto-Cash-Verbrauch geteilt durch Netto-Neuumsatz. Bei 100.000 Euro monatlichem Verbrauch und 50.000 Neuumsatz liegt das Multiple bei zwei. Unter 1,5 gilt als effizient, zwischen 1,5 und drei ist Grauzone, über drei ist ein Warnsignal. In Risk-Off-Phasen, wenn der VC-Markt sich abkühlt, wird das Burn Multiple zur wichtigsten Kennzahl überhaupt. Gründer mit einem Multiple von vier bekommen keine nächste Runde, egal wie gut die Story ist. Gründer unter 1,5 bekommen sie, weil ihre Effizienz zeigt, dass sie auch ohne neue Runde überleben können.

Die Productivity per Hire zeigt, ob neue Leute den Output, oder erhöhen sie die Komplexität? Zwanzig Einstellungen können den Burn verdreifachen, ohne dass die Produktivität steigt. Mehr Leute heißen mehr Meetings, mehr Abstimmung, mehr Prozesse, die niemand definiert hat. Wenn die Umsatz-pro-Kopf-Kennzahl mit jeder Einstellung sinkt, ist die Organisation nicht bereit, neue Leute produktiv einzusetzen.

Der Runway misst die Monate bis Cash-out bei aktuellem Burn. Runway ist Verhandlungsmacht. Wer bei sechs Monaten in die nächste Runde geht, raiset aus Not, und Not macht erpressbar. Wer bei fünfzehn Monaten raiset, hat Optionen und kann Nein sagen. Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ist der größte Hebel in jeder Verhandlung.

Die Frage Default Alive oder Default Dead lautet: Erreichst du mit dem aktuellen Kurs irgendwann Profitabilität, auch ohne neue Finanzierung? Default Alive heißt: Du brauchst die nächste Runde nicht zum Überleben, du willst sie, um schneller zu wachsen. Default Dead heißt: Ohne neues Geld stirbt das Unternehmen. Die meisten VC-finanzierten Startups sind Default Dead, das ist die Natur des Modells. Aber du musst es wissen, weil es deine gesamte Strategie bestimmt.

Die Grundrechenart vor jedem Burn-Verständnis: Einheitenrechnung.

Keine Einstellung ohne Milestone

Jede Einstellung braucht eine Antwort auf drei Fragen: Welcher Meilenstein wird durch diese Rolle ermöglicht? Was passiert, wenn die Rolle drei Monate später besetzt wird? Was kostet sie, bevor sie produktiv ist?

Den Vertrieb baust du aus, wenn der Prozess steht, nicht wenn das Geld da ist. Wer einen Sales-Rep einstellt, ohne vorher selbst verkauft und den Prozess dokumentiert zu haben, wiederholt den teuersten Fehler im VC: Skalierung ohne Playbook. Der Rep versucht, einen Prozess zu replizieren, der nie dokumentiert wurde. Conversion-Rate: zwei Prozent statt der zehn, die im Pitch standen.

Dasselbe Prinzip gilt für jeden Hire. Ein Experiment braucht eine Hypothese, eine Metrik, einen Zeitrahmen und ein Kill-Kriterium. Ohne Kill-Kriterium stecken sechshunderttausend Euro und sechs Monate in einem Experiment, ohne dass sich hinterher sagen lässt, ob es gescheitert ist oder nur nicht lange genug versucht wurde.

Runway-Trigger

Bei welcher Runway-Schwelle reagierst du wie? Die Antwort steht vorher fest, nicht im Moment der Krise.

Fünfzehn Monate: Fundraising-Vorbereitung beginnt. Deck aktualisieren, Pipeline auffrischen, Updates verschicken.

Zwölf Monate: Aktives Outreach, Lead-Gespräche. Parallel Burn prüfen und Kosten ohne Milestone-Bindung streichen.

Neun Monate: Falls kein Lead in Sicht, Kosten senken. Den schwächsten Hire auf den Prüfstand stellen. Experimente ohne Signal stoppen.

Sechs Monate: Notmodus. Alles streichen, was nicht Runway verlängert oder die nächste Runde beschleunigt. Wenn Default Alive möglich ist, auf Profitabilität umstellen. Wenn nicht, aggressiv raisen, auch zu schlechteren Konditionen.

Diese Trigger verhindern Panik. Panik entsteht, wenn unter Druck improvisiert werden muss. Wer einem Plan folgt, kann steuern. Wer nicht, reagiert nur.

Die Folgerunde kostet Zeit, Geld und Aufmerksamkeit. Plane sie mit Vorlauf: Kosten einer Finanzierungsrunde.

Dasselbe Geld, zwei Ergebnisse

Zwei Gründer, beide im HR-Tech, beide in Berlin, beide 1,2 Millionen Euro Seed, beide mit dem Ziel einer Series A in achtzehn Monaten.

Die eine stellt in drei Monaten sieben Leute ein. Burn springt von fünfzehntausend auf fünfundsiebzigtausend. Nach zwölf Monaten: sechshunderttausend Euro verbrannt, kein Milestone erreicht, sechs Monate Runway. Down Round, Kontrollverlust.

Der andere stellt zwei Leute ein, verkauft die nächsten fünf Kunden selbst, dokumentiert jeden Schritt und stellt den ersten Sales-Rep erst ein, als das Playbook steht. Nach zwölf Monaten: neunhunderttausend Euro auf dem Konto, drei Milestones belegt, achtzehn Monate Runway. Zwei Term Sheets in vier Wochen. Bewertung dreifach über Seed.

Dasselbe Geld, derselbe Markt, derselbe Zeitraum. Der Unterschied: Einstellungen an Milestones statt an verfügbares Budget gekoppelt. Geld macht alles schneller, auch Fehler. Wer ohne Gates skaliert, skaliert Chaos.

Die Diagnose klärt, ob dein Geschäft die Steuerungsinstrumente hat, die es braucht, bevor Kapital ins Spiel kommt.

Wie du Burn und Runway monatlich an Investoren reportest: Investor-Update-Report.

Wenn der Burn aus dem Ruder läuft, hilft kein Reportingformat. Dann muss man zurück zum Vier-Beweise-Framework.

Weiterlesen

Investor Relations: Warum dein Update-Report über die nächste Runde entscheidet: Format, Lowlights, und was passiert, wenn du aufhörst zu schreiben.

Einheitenrechnung: Was pro Kunde wirklich übrig bleibt: Was pro Kunde wirklich übrig bleibt, und welche Aufträge das Geschäft nur beschäftigen.

Was kostet eine Finanzierungsrunde wirklich?: Warum eine Seed-Runde 10.000 bis 30.000 Euro kostet, bevor du einen Cent siehst.

Burn MultipleRunwayDefault Alive / Default Dead

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Quelle

Fatal Capital

Dieser Artikel basiert auf Svens Buch.

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