Vom Pitch zur Verhandlung: Wie Momentum entsteht

Warum Fundraising ein Vertriebsprozess ist und kein Massenversand

Dreißig E-Mails mit dem Deck an dreißig Investoren, alle am selben Tag, ohne warmen Zugang: Das ist kein Fundraising, das ist ein Newsletter. Die Konversionsrate liegt bei fünf bis zehn Prozent, und schlimmer als die Absagen ist das Signal. Investoren kennen sich. Wenn drei von ihnen in derselben Woche dasselbe Deck bekommen und merken, dass es an alle ging, wirkst du nicht nachgefragt. Du wirkst verzweifelt.

Fundraising ist Vertrieb. Es hat eine Pipeline, eine Reihenfolge, ein Timing und ein Kill-Kriterium. Wer das ignoriert, verschwendet Monate.

Die Pipeline

Eine Investorenliste entsteht nicht aus einer Crunchbase-Suche, sondern aus einem Filter. Für jeden Namen zehn Minuten Recherche: Website, Portfolio, letzte Investments, Ticketgröße, Phase, zuständiger Partner. Ein Fonds, der B2B auf der Website hat, aber fünf Consumer-Apps im Portfolio, wird gestrichen. Ein Fonds, dessen kleinstes Ticket bei fünf Millionen liegt, wenn du anderthalb suchst, wird gestrichen. Eine Partnerin mit zehn Board-Sitzen hat ein Kapazitätsproblem, also Fragezeichen.

Aus der gefilterten Liste entstehen drei Kategorien. Lead-Kandidaten: Fonds, die die Runde anführen können, richtiger Stage, richtiges Ticket, aktive Investitionsperiode, kein Portfolio-Konflikt. Follower: kleinere Tickets, Co-Invest-Profil, gut für die Auffüllung. Strategische: kein klassischer Fonds, aber Branchenkenner mit Netzwerk.

Die entscheidende Spalte in der Tabelle: Intro. Zu wem gibt es einen warmen Zugang?

Eine Pipeline ohne ordentliches Deck ist nichts wert: Pitch-Deck-Aufbau.

Warme Intros

Ein warmes Intro ist im Fundraising mehr wert als jedes Deck. Ein Investor bekommt pro Woche Dutzende kalte Anfragen und filtert nach Signalen. Das stärkste Signal ist: Jemand, den er kennt, hält das für relevant.

Die beste Intro kommt von einem Gründer, den der Investor im Portfolio hat. Die zweitbeste von einem anderen Investor. Die schlechteste von jemandem, den der Investor zwar kennt, aber nicht ernst nimmt. Wer keine direkte Verbindung hat, geht über zwei Ecken: Welche Kontakte kennen Leute, die Investoren kennen? Der Weg ist länger, aber ein Intro über zwei Ecken ist stärker als eine kalte Mail.

Die Nachricht an den Einführer braucht vier Elemente: einen konkreten Namen statt ein vages „jemand bei dem Fonds", einen Grund, warum dieser Fonds passt, Forwarding-Material, das die einführende Person nicht selbst schreiben muss, und einen Ausstieg ohne Gesichtsverlust.

Sequencing

Fundraising hat eine Reihenfolge, und diese Reihenfolge ist kein Zufall.

Aufwärmen. Bevor du pitchst, baust du Beziehungen. Kurze Updates an Investoren, die dein Unternehmen kennen sollten, auch wenn du noch kein Geld suchst. Was habt ihr erreicht, was habt ihr gelernt? Keine Bitte, kein Deck. Wenn du in drei Monaten pitchst, bist du dann kein Fremder.

Test-Pitches. Die ersten drei bis fünf Gespräche führst du mit Investoren aus dem zweiten oder dritten Korb. Angels, die wohlwollend sind, Follower-Fonds, die ohnehin nicht leaden werden. Feedback holen, Narrativ schärfen, die Fragen kennenlernen, die immer kommen. Jedes Gespräch macht dich besser, und diese Verbesserung gehört den Übungsgesprächen, nicht den Lead-Kandidaten.

Lead-Gespräche. Idealerweise mit warmer Intro, weil Lead-Investoren genug Deal Flow haben und keine unsortierten Decks lesen.

Follower und Close. Wenn ein Lead signalisiert, dass er investieren will, setzt sich der Prozess in Bewegung. Follower brauchen dieses Signal, weil sie selten eigene Due Diligence in der Tiefe machen. Ohne Lead warten alle aufeinander. Mit Lead beschleunigt sich alles.

Was im einzelnen Meeting passiert: Was Investoren in Meetings wirklich prüfen.

Momentum

Momentum entsteht, wenn mehrere Investoren gleichzeitig Interesse zeigen. Wenn ein Lead signalisiert, zieht das Follower an. Wenn mehrere Follower Fragen stellen, steigt der Druck auf den Lead, schnell zu entscheiden. Wenn der Lead abschließt, wollen die Follower dabei sein, bevor die Runde voll ist.

Momentum lässt sich nicht erzwingen, aber sabotieren. Wer zu früh mit allen gleichzeitig spricht, hat kein Sequencing: Alle sind informiert, niemand hat einen Grund, sich zu beeilen. Wer zu spät mit Followern spricht, verliert Wochen, weil die Follower ihren eigenen Prozess haben.

Die Kunst liegt im Timing: Lead-Gespräche so timen, dass die Entscheidung in ein Fenster fällt, in dem sofort mit Followern nachgelegt werden kann.

Das erste formelle Resultat aus dem Momentum: ein Letter of Intent.

Das Kill-Kriterium

Fundraising dauert drei Monate im besten Fall, sechs im Normalfall, neun wenn es holprig läuft. Ein Plan, der nur Szenario A vorsieht, ist kein Plan.

Ein Kill-Kriterium gehört in jeden Fundraising-Plan: Wenn nach acht Wochen kein Lead-Kandidat in vertiefter Prüfung ist, wird gestoppt. Acht Wochen reichen, um zu erkennen, ob die Pipeline funktioniert. Wenn danach niemand tiefer prüfen will, liegt es an der Pipeline oder an der Substanz. Beide Gründe bedeuten, dass Weitermachen Zeit und Selbstvertrauen verbrennt.

Der produktivere Weg: Pause, gezielt an der Schwäche arbeiten, in drei bis sechs Monaten neu starten. Ein Gründer, der nach sechzehn Wochen ohne Term Sheet abbrach, sechs Monate in Produkt und Vertrieb investierte und den MRR verdreifachte, bekam danach in vier Wochen ein Term Sheet, zu besseren Konditionen als vorher möglich gewesen wären. Der Abbruch war die beste Fundraising-Entscheidung, die er getroffen hat.

Die Diagnose klärt, ob dein Geschäft bereit ist für diesen Prozess und ob der Prozess überhaupt der richtige Weg ist.

Ein Kill-Kriterium hilft auch dabei, schlechte Investoren rechtzeitig auszusortieren.

Weiterlesen

Was Investoren in Meetings wirklich prüfen: Was im Investorenmeeting tatsächlich passiert und welche Fragen entscheidend sind.

Letter of Intent: Was er bedeutet und was nicht: Was ein LOI regelt, was nicht. Warum zwischen LOI und Closing alles schiefgehen kann.

Was steht in einem Term Sheet?: Bewertung, Liquidation Preference, Anti-Dilution, Vesting, Veto-Rechte.

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Quelle

Fatal Capital

Dieser Artikel basiert auf Svens Buch.

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